Dienstag, 15. Juni 2010

Über das Ertragen

Ein paar Zeilen von Thomas von Kempen aus "Die Nachfolge Christi" über das Thema "Ertragen":

"Sohn, mehr gefallen mir Geduld und Demut im Unglück als viel Tröstung und Andacht im Glück. Was macht dich eine Kleinigkeit, die gegen dich getan oder gesagt wurde, so traurig? .... Schlage es dir, so gut du es verstehst, aus dem Sinn, und wenn es dich angegriffen hat, möge es dich doch nicht nieder drücken und nicht lange in sich verstrickt halten. Ertrage es zumindest geduldig, wenn du es schon nicht freudig vermagst... Noch lebe ich (sagt der Herr), bereit, dir zu helfen und dich mehr als gewöhnlich zu trösten, wenn du dich mir anvertraust und mich andächtig anrufst.

Gleichmütiger sollst du sein und dich zu größerem Ertragen gürten. Nicht ist alles vergebens, wenn du dich häufiger angefochten und schwer versucht fühlst. Du bist ein Mensch und nicht Gott: Fleisch bist du und kein Engel. Wie könntest du immer im selben Stand der Tugend verharren, wenn dies dem Engel im Himmel und dem ersten Menschen im Paradies nicht gegeben war? Ich bin es, der die Trauernden unversehrt wieder aufrichtet und die ihre Schwächen Erkennenden zu meiner Göttlichkeit erhebt.


Thomas von Kempen, "Die Nachfolge Christi", Übertrg.von Felix Braun, Stuttgart 1935, p.238-239

Besonders gefällt mir das "Du bist ein Mensch und nicht Gott: Fleisch bist du und kein Engel. Wie könntest du immer im selben Stand der Tugend verharren, wenn dies dem Engel im Himmel und dem ersten Menschen im Paradies nicht gegeben war?"

Wie wahr und wie hilfreich, wenn es schon nicht allen Engeln gelang, immer auf dem höchsten geistlichen Stand zu sein, oder auch Adam und Eva nicht, die in Unschuld mit Gott lebten, warum sollten wir dann gestresst sein, wenn es bei uns auch nicht immer im ersten, zweiten oder dritten Anlauf klappt.Ertragen ist eben nicht nur das "Ertragen anderer", man muss es mit sich selbst ja auch aushalten können.