Freitag, 3. September 2010

Ist das "Hörende Gebet" biblisch?

... so der Titel einer Pro & Kontra Spalte in IdeaSpektrum 6/2007. Das ist zwar eine Weile her, aber der Kommentar des "Kontra" Vertreters Ron Kubsch hat mich ans Denken gebracht, und das Thema an sich ist ja auch nach wie wor aktuell. Ron Kubsch schreibt am Ende seiner Stellungnahme: "Einen biblischen Auftrag für das hörende Gebet habe ich nicht gefunden."

Ist das so, gibt es keinen biblischen Auftrag für hörendes Gebet?

Dazu noch einmal Zitat Ron Kubsch: "Während Gott sich in der Bibel (nur) zu heilsgeschichtlichen Fragen mitgeteilt hat, ist das Gebet für diese Christen der Raum, in dem Gott sich mir ganz persönlich offenbart. Ich nehme mich zurück, lasse die eigenen Gedanken los und warte darauf, dass Gott sich mir durch Bilder, Eindrücke, Stimmen, Schmerzen oder Geschmacksempfindungen mitteilt. Gott hören heißt hier, mein subjektives, in einer Gebetsbeziehung entstandenes Erleben als göttliche Information zu bezeichnen. Und dieses Hören auf Gottes Stimme kann ich in Seminaren erlernen. Diese Auffassung vom Gebet ... ist eine Anleitung zum Subjektivismus (für viele auch zum Unglücklichsein)."

Hat Gott sich in der Bibel nur zu heilsgeschichtlichen Fragen mitgeteilt? Zumindest für die Beteiligten der biblischen Geschichte war das nicht zu erkennen. Abrahams Berufung in ein neues Land zu ziehen, Davids Anfragen bei Gott, wie er diesen und jenen Feldzug bewerkstelligen sollte, Nehemias Wunsch, die zerstörte Stadt Jerusalem wieder aufzubauen, Jesus' Wissen, das Lazarus wieder von den Toten zurück kehren sollte oder dass die Frau am Brunnen schon eine Reihe Ehemänner gehat hatte, Petrus Erkenntnis, dass er mit dem Nicht-Juden Kornelius persönlichen Umgang pflegen soll, Paulus Einsicht, dass das Schiff besser im Hafen bleiben sollte - das sind nur ein paar Beispile, dass Menschen aus einer hörenen Haltung Gott gegenüber bewegt wurden, das (letztlich auch heilsgeschichtlich) richtige zu tun (- nur ihnen selbst war das in diesen Situationene wahrscheinlich nicht bewusst). In ihrem Erleben ging es um die Lösung alltäglicher Fragen und Herausforderungen. Dazu sprach Gott zu ihnen und erwies sich ihnen als vertrauenswürdiger Gott.

Es macht manche bibeltreuen Geschwister nervös, wenn man von einer "direkten Offenbarung" Gottes spricht. Zu viel an Kirchengeschichte zeigt uns deutlich, dass sich auf diesem Wege endlos viele Irrlehren entwickelt haben. Daher gibt es ein sehr berechtigtes Mißtrauen gegen jede Person, die für sich besondere Offenbarungen in Anspruch nimmt, die sich nicht ohnehin schon in der Bibel finden. Wenn jemand nach einem "Hörenden Gebet" aufstehen sollte und verkündete: "Der Herr hat mir soeben mitgeteilt, dass ich sein letzter Prophet bin und dass er euch endlich wissen lassen möchte, dass er nicht von einer Jungfrau geboren wurde.", dann sollten wir zu Recht mißtrauisch reagieren. Direkte Offenbarungen, die dem biblischen Zeugnis wiedersprechen, können nicht von Jesus Christus "gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit" kommen.

Aber darum geht es beim "Hörenden Gebet" gar nicht. Auch nicht um eine Methode, allen Subjektivismus mit geistlichem Mäntelchen einzukleiden und damit zu "göttlicher Information" zu erheben. Es geht darum, dass Gott auch schon in der Bibel zu mehr als nur zu den heilsgeschichtlichen Fragen sprach. Neben dem geschriebenen Wort des Gesetzes gab es über Jahrtausende den Dienst des Propheten, zuweilen auch "Seher" genannt Zu diesem durfte man offensichtlich auch mit so banalen Fragen kommen wie: "Wo sind denn meine entlaufenen Esel, die ich schon seit Tagen suche?" (vgl. 1 Sam 9,5-6) Moses hatte vom Berg nicht nur die zehn Gebote herab gebracht, sondern auch das Bundesbuch, in dem Gott sich detailliert über Fragen des Lebens und der alltäglichen Ordnung und Gerechtigkeit äußerte. Obwohl dies alles schriftlich festgelegt war, stand das Volk vom frühen morgen bis zum späten Abend beim Propheten Moses Schlange, so dass er das geschriebene Wort durch geistliche Einsicht in ihrem Leben zur Anwendung bringen sollte. Zudem gab es das "Zelt der Begegnung", in dem man den direkten Kontakt zu Gott suchen und erwarten durfte.

Durch das gesamte Alte Testament nach Mose gab es den priesterlichen Dienst, der das Volk den Unterschied zwischen dem heiligen und dem unheiligen zeigte. Gott gab sich nicht damit zufrieden, ein Buch zu senden und dann zu sagen: "Dann lest doch, da steht alles drin." Er benutzte die menschlichen Gefäße seine Absichten mitzuteilen, - auch wenn die sehr oft versagten!

Banal gesagt: Die Bibel sagt uns, dass die Ehe gut ist - aber nicht, wen wir heiraten sollen. Die Bibel sagt uns, dass Saat und Ernte nicht aufhören, aber nicht, ob wir dieses Jahr besser Kartoffeln oder Mais anbauen sollten. Die Bibel sagt uns, dass es gut ist, großzügig zu sein und den Armen zu geben, aber nicht welchem Armen meines Umfelds und auf welche Weise.

Die Position "Gott spricht ausschliesslich durch die Bibel und durch nichts sonst.", lässt uns mit diesen Fragen allein. Einziger Anlaufpunkt wird die eigene Vernunft, göttliches Reden ist in diesen Alltagsdingen nicht zu erwarten. Das ist aber schade, denn dadurch wird Gott reduziert von einem "redenden Gott" zu einem "geredet habenden Gott" - und weil viele sein Reden in der Bibel schwer verständlich finden oder keine Antwort auf ihre praktischen Fragen darin sehen, macht in der Regel einfach jeder das, was er ohnehin schon gedacht hat. Christ sein hin oder her. Das ist auch Subjektivismus!

Wie kann man dieses Dilemma lösen? Oder anders: Wie lösen wir uns von nicht-biblischem Subjektivismus in unseren Alltagsfragen? Wie können wir mit Gottes Reden und Eingreifen rechnen?

Antwort: Wir nähren uns mit der reinen Milch und festen Speise des Wortes. Wir lassen das Wort Christi reichlich unter uns wohnen, auf viele unterschiedliche Arten und Weisen. Wir erneuern unsern Sinn nach seinem Wort und seinem Evangelium - und wir warten auf Gott. Wir richten unsere Blicke auf ihn wie die Magd auf ihre Arbeitgeberin, wie das Kind auf die Mutter, wie der Diener auf den befehlenden Herrn. Wir, seine Schafe, rechnen damit, dass der gute Hirte zu uns sprechen wird. Wir bringen ihm unsere Alltagsfragen und erwarten sein Reden. In kleinen Entscheidugen gehen wir mit kindlichem Vertrauen voran, prüfen das Gehörte durch unser Tun. Aus Fehlern darf man lernen, Kleinkinder laufen auch nicht vom ersten Schritt an den perfekten Marathon. In größeren Entscheidungen teilen wir das Gehörte demütig mit anderen in der Gemeinde. Nicht "ich allein" habe den Geist Gottes gepachtet, sondern die Kleinen wie die Großen sollen alle den Herrn erkennen können, denn das ist die Verheißung des Neuen Bundes (Jer 31,34). Gemeinsam werden wir uns sicher, wie Gottes Wort in meiner Situation anzuwenden ist und was Gottes Wille für mich zu diesem Zeitpunkt ist. (Dabei soll jeder Verantwortung lernen, und nicht, alle Eigenverantwortung an die Gemeindeleitung abzugeben oder Entscheidungen endlos mit den Worten "Der Herr hat noch nicht geredet.", zu vertagen.)

Eine hörende und zum Gehorsam bereitwillige Haltung ehrt Gott mehr als ein verstandesmäßiger Subjektivismus. Jesus Christus der Redende und Offenbarende bleibt sich gleich "Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan (man beachte die Vergangenheitsform!) und will ihn kundtun (Futur), damit die Liebe, mit der du mich liebst, sei in ihnen und ich in ihnen." Jo 17,26

Hörendes Gebet, demütig gehandhabt, ist durchaus ein biblischer Auftrag.