Sonntag, 6. November 2011

Priester sein

Jede Gesellschaft hat nicht nur seine politischen Leiter, sondern auch immer eine Gruppe von "Priestern". Die Priesterschaft eklärt uns das Dasein über die alltägliche Zusammenhänge hinaus. Sie erklärt den Kontext unseres Dasein, erzahlt uns unsere Geschichte und beschreibt woher wir kommen - oft auch, wohin wir gehen.

Die mitteleuropäische Priesterschaft der Gesellschaft ist nicht länger die Kirche. Die allgemein geglaubten Wahrheiten über unsere Geschichte, woher wir kommen und wohin wir gehen wird von anderen gegeben. Im Falle Mitteleuropas und der westlichen Gesellschaft sind diese Priester die evolutionär denkenden Rationalisten/ Materialisten und Humanisten. Woher kommen wir - aus dem Nichts, sagen sie. Wohin gehen wir - in das Nichts, sagen sie. Aber sie sagen es so oft und mit so viel schlauen Argumenten und wissenschaftichem Jargon, dass es "wahr" geworden ist, auch wenn noch so viele Lücken in der Theorie sind.

Die neue Priesterschaft predigt den Wert des Materiellen und Sichtbaren. Sie ist davon überzeugt, dass das Leben messbar und rational erfassbar ist, auch wenn dieser Versuch schon seit mindestens zweihundert Jahren trotz großer Anstrengung immer noch nicht gelungen ist. Frage einen Biologen "Was ist Leben?" oder einen Philosophen "Was ist Wahrheit?" Oder einen Physiker "Was ist Energie?" - in den tiefsten Fragen tappt diese Priesterschaft immer noch im Dunkeln.

Die neue Priesterschaft sagt, dass es rational und richtig ist, nicht an einen übernatürlich wirkenden Gott zu glauben. Anstelle dessen sollen wir an die Güte des Menschen glauben und ihn erzieherisch so zu entwickeln, dass er immer nur Gutes tut. Die Frucht der Lehre dieser Priesterschaft ist in verheerenden Weltkriegen zu sehen. Die, die die Existenz von Sünde als rationalen Unsinn ablehnen, sägen damit den Ast ab, auf dem die Hoffnung einer einmal guten Menschheit ruht.

Ich weiss nicht, ob es uns gelingen kann, die Priesterschaft für Europa wieder (oder zum ersten Mal wirklich) in die Hände der Kirche zu bringen. Wenn, dann hoffentlich nur in die Hände einer Kirche, die im Reich Gottes lebt, webt und ihr Dasein hat. Ob wir diese Schlacht gewinnen können oder nicht, liegt an der Authenzität unseres Lebens. Ein authentisches Leben unter der Herrschaft Gottes ist unter anderem eine Demonstration des priesterlichen Lebens, es vermittelt die Antworten auf die Frage von woher und wohin. Es zeigt den Unterschied zwischen dem Heiligen und dem Unheiligen. Es demonstriert ganzheitliches Leben, basierend auf Wahrheit, die nicht nur rational erarbeitet wurde, sondern die der gütige, menschenliebende Gott zu unserem Besten offenbart hat.